Erschienen in Ausgabe 02-2026
Geschichten für Generationen
Von Astrid Lindgren bis Alea Aquarius: Die Geschichten des Medienhauses Oetinger prägen Kinder – ein Leben lang.
Oetinger gehört zu den bekanntesten Kinder- und Jugendmedienhäusern im deutschsprachigen Raum. Gegründet 1946 in Hamburg, ist das Unternehmen bis heute familiengeführt und einer der letzten konzernunabhängigen Verlage in Familienhand. Seit Generationen prägt Oetinger die Lesezimmer vieler Kinder, Jugendlicher und Familien. Aus dem Verlag, der mit Astrid Lindgren und „Pippi Langstrumpf“ deutsche Literaturgeschichte schrieb, ist ein Medienhaus geworden, das Geschichten längst nicht mehr nur in gedruckter Form erzählt. Bücher, Hörbücher, Apps, Musik, Merchandise, Theater und Film gehören heute ebenso dazu wie ein Programm mit über 3.400 lieferbaren Titeln, acht Labels und 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Im 80. Jubiläumsjahr tritt die frühere Verlagsgruppe nun als Medienhaus Oetinger auf.
Wir sind an einem sonnigen Dienstagmorgen bei Oetinger zu Gast, um uns mit Julia Bielenberg, Verlegerin, sowie Christian Graef und Thilo Schmid, beide Geschäftsführer des Medienhauses, zu treffen. Der Verlag sitzt an der Max-Brauer-Allee in Altona, einem permanenten Stau-Hotspot im Berufsverkehr. Das Medienhaus Oetinger liegt ein Stück nach hinten versetzt und wirkt deutlich ruhiger. Ein historischer Industriebau mit vier Etagen und vielen Fenstern mit feinen Sprossen. Ein Haus mit Geschichte. Während wir noch kurz warten, kommen nach und nach die ersten Mitarbeiter mit dem Fahrrad an. Einige bleiben kurz stehen, fragen freundlich, ob sie helfen können und wohin wir möchten. Schon vor der Tür entsteht ein erster Eindruck von diesem Haus: offen, aufmerksam und angenehm unaufgeregt. Drinnen setzt sich dieser Eindruck fort. Heller Empfangsbereich, skandinavisch chic, warm, mit viel Holz, sanften Farben und natürlich mit vielen Büchern. Dass dieser Look nicht zufällig ist, erfahren wir später im Gespräch. Denn die Oetinger Erfolgsgeschichte ist ohne Skandinavien kaum zu erzählen. Ohne Astrid Lindgren erst recht nicht.
Friedrich Oetinger gründete das Unternehmen zunächst als Verlag für Wirtschaft und Sozialpolitik, doch die Ausrichtung änderte sich, als er 1949 in Stockholm Astrid Lindgren kennenlernte und die deutsche Lizenz für „Pippi Langstrumpf“ erhielt. Aus dieser Begegnung entstand nicht nur einer der wichtigsten Erfolge des Hauses, sondern eine lebenslange Verbindung zwischen der Familie Oetinger und Astrid Lindgren. Pippi wurde in Deutschland zu einer Figur, die ganze Generationen begleitet hat. Später folgten viele weitere Geschichten von Astrid Lindgren, von Bullerbü bis Ronja, von Michel bis Madita. Eine literarische Welt, in der Kinder mutig, eigensinnig und frei sein dürfen, mit allem, was dazugehört. Auch die persönliche Verbindung zwischen Astrid Lindgren und der Familie Oetinger blieb über Jahrzehnte eng. Astrid Lindgren und Heidi Oetinger verband eine besondere Freundschaft. Bei ihren Besuchen in Hamburg übernachtete Lindgren häufig im Haus der Familie. Julia Bielenberg erzählt von dieser Verbindung mit wacher Erinnerung. Auch von jener Nacht, in der Astrid Lindgren starb und unerklärlich vor dem Haus der Oetingers zwei Birken umfielen. Später wurde an dieser Stelle eine Linde gepflanzt, Lindgrens Lieblingsbaum. Die Nähe zu ihr zeigt bis heute auch die Tafel an diesem Baum. Darauf steht: „Wir trauern um unsere Freundin und Autorin, der wir alles verdanken.“
Unser Gespräch beginnt im Erdgeschoss. In einem hallenartigen Raum mit langem Konferenztisch, Veranstaltungsfläche, kleiner Bühne, Lesesaal und Treffpunkt. „Hier finden Lesungen statt, Kinderveranstaltungen, Theaterformate und Begegnungen mit Geschichten“, erfahren wir von Christian Graef. Seit 2008 nutzt Oetinger diesen Standort in Altona. Zunächst zogen nur einzelne Abteilungen ein, bis nach aufwendigen Sanierungsarbeiten 2020 die gesamte Verlagscrew hier ihren neuen Standort fand, erzählt uns Julia Bielenberg, bevor wir uns an den langen Tisch mit Blick auf ein großes Bücherregal setzen. Für uns fühlt sich der neue Standort wie selbstverständlich an. So, als sei Oetinger schon immer hier gewesen.
Julia Bielenberg führt das Medienhaus als Verlegerin in dritter Generation. Sie empfängt uns offen, aufmerksam und mit einer spürbaren Freude an diesem Haus, die sofort Lust macht, mehr über Oetinger zu erfahren. Der Begriff Verlegerin passt zu Julia Bielenberg besonders gut, weil dieser mehr ist als eine Funktion. Er beschreibt die Nähe zur Historie, zu den Autoren, zu den Menschen im Haus, dem Programm, aber auch zu der Verantwortung, Geschichten weiterzutragen, erlebbar zu machen und auch die Jüngsten fürs Lesen zu begeistern.
2026 feiert Oetinger sein 80-jähriges Jubiläum. Gleichzeitig hat sich die frühere Verlagsgruppe Oetinger in Medienhaus Oetinger umbenannt, um auch im Namen sichtbar zu machen, wofür die Ausrichtung bereits seit langem steht. Tradition bedeutet für Oetinger keinen Stillstand. Im Gegenteil. Sie ist Ansporn, immer wieder Neues zu wagen, nach vorn zu schauen und sich als Haus weiterzuentwickeln. „Oetinger befindet sich in einer andauernden Transformation und gilt in der Branche als Innovationsführer für fantasievolle Erlebnisformate“, erklärt Thilo Schmid. Bücher bleiben der Ursprung, aber Geschichten werden weitergedacht. Aus einzelnen Büchern entstehen Welten, die Kinder und Familien an ganz unterschiedlichen Stellen erreichen.
Ein Beispiel dafür sind die Olchis. Aus den muffeligen grünen Figuren ist deutlich mehr geworden als eine Buchreihe. Es gibt Hörspiele, Theater, Filme, Produkte, eine Planetariumshow und immer neue Formen, diese Welt zu erleben. 2026 kommt mit „Die Olchis treffen das Sams“ sogar ein Crossover zweier bekannter Kinderbuchfiguren. Ab Oktober geht Oetinger noch einen Schritt weiter: Dann startet in Hamburg eine in Europa einzigartige, interaktive und immersive Erlebnis-Ausstellung für Familien und vor allem Kinder. Bei Erfolg soll sie durch Deutschland, Österreich und die Schweiz touren. „Hier zeigt sich, wie wir Geschichten heute und künftig auch erzählen möchten. Als Erlebnisformate, die neue Generationen für Figuren, Bücher und Fantasie begeistern“, schließt Schmid an.
Dass viele der großen Namen aus dem Hause Oetinger stammen, wirkt im Gespräch fast unwirklich. Figuren und Geschichten wie Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, die Olchis oder Alea Aquarius gehören ebenso dazu wie Autorinnen und Autoren, die das Haus über viele Jahre geprägt haben. Astrid Lindgren natürlich, aber auch Kirsten Boie, Cornelia Funke, Tanya Stewner, Erhard Dietl und viele andere. Man fragt sich schnell, ob man für solche Titel vor allem ein glückliches Händchen braucht. Julia Bielenberg erklärt, dass die Wirklichkeit im Verlagsgeschäft heute komplexer ist. Manuskripte kommen längst nicht mehr einfach stapelweise per Post ins Haus und werden dann nacheinander entdeckt. Viele Stoffe erreichen Verlage über Agenturen, die Titel prüfen, einordnen und vermitteln. Für internationale Rechte wird geboten, verhandelt, entschieden. Gleichzeitig lebt Oetinger stark von gewachsenen Beziehungen zu Autoren, die über viele Jahre aufgebaut wurden. Kirsten Boie ist eine dieser Autorinnen. Ihr erstes Kinderbuch „Paule ist ein Glücksgriff“ erschien 1985 im Verlag Friedrich Oetinger. Damit ist sie dem Haus seit rund 40 Jahren verbunden.
Beim Rundgang durch die Etagen erfahren wir, wie auch hier das Thema NewWork gelebt wird, um agil zu bleiben. Nicht jeder hat hier noch seinen festen Schreibtisch. Clean Desk und Desk Sharing gehören zum Alltag. Christian Graef erklärt, dass dieser Prozess bereits im Zusammenhang mit dem Umzug und den neuen Arbeitsformen angestoßen wurde. „Wir waren von Anfang an positiv überrascht, wie gut das funktioniert und wie eigenverantwortlich sich die Teams finden“. Man merkt, dass dieses Arbeiten hier im Alltag angekommen ist.
Doch so sehr Oetinger nach vorn schaut, so deutlich wird im Gespräch auch, dass Transformation nicht im luftleeren Raum stattfindet. Die Freude an neuen Ideen ist groß, die Unzufriedenheit mit den Rahmenbedingungen aber ebenso. „Wir sind sehr unzufrieden mit der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland“, sagt Julia Bielenberg. „Es herrscht ein wirtschafts- und leistungsfeindliches Klima. Gerade der Mittelstand müsste anders und besser unterstützt werden, mit mehr Freiheit und weniger Bürokratie.“ Für ein Familienunternehmen, das langfristig denkt, investiert, Arbeitsplätze sichert und kulturelle Inhalte in die Welt bringt, sind steigende Kosten und immer neue bürokratische Anforderungen mehr als nur lästige Begleiterscheinungen. Sie werden zu einer echten Belastung. Auch für die Verlagslandschaft in Deutschland.
Der Claim des Medienhauses lautet „Geschichten fürs Leben“. Kern des Unternehmens ist es, diese Geschichten in unterschiedliche Gefäße zu gießen. Dabei kommt dem Buch nach wie vor eine besondere Bedeutung zu, wenn es um das Lesen selbst geht. Denn bei aller Freude an Apps, Hörbüchern, Filmen und neuen Erzählformen – am Ende zählt auch eine Fähigkeit, die viel größer ist als der Buchmarkt. „Lesen ermöglicht Teilhabe“, betont Julia Bielenberg. Besonders deutlich wird sie, wenn sie über Kinder und Jugendliche spricht. Über die Sorge, dass gerade Jungs immer weniger lesen. Über Eltern, die im Alltag kaum noch vorlesen. Über Schulen, in denen Leseförderung oft zu wenig Raum bekommt. Und über eine Gesellschaft, die manchmal erst spät merkt, was verloren geht, wenn Lesen nicht mehr selbstverständlich ist. „Die Bildung unserer Kinder ist der einzige Rohstoff, den wir haben“, sagt Julia Bielenberg. „Kinder haben aber keine Lobby in Deutschland. Vernachlässigen wir ihre Bildung, setzen wir unsere Demokratie einer großen Gefahr aus und ebenso unsere Wirtschaft. Lesen können ist ein Wirtschaftsfaktor.“
Deshalb engagiert sich Oetinger für Leseförderung und sucht immer wieder Wege, Kinder neu für Geschichten zu gewinnen. Manchmal klassisch über Bücher. Manchmal über Veranstaltungen. Manchmal über digitale Brücken. „Spannend sind Ansätze, bei denen App und Buch miteinander verbunden werden, etwa wenn Kinder in einer Anwendung nur weiterkommen, wenn sie bestimmte Stellen im Buch gelesen haben“, zeigt Thilo Schmid auf. So wird das Digitale nicht als Gegner des Lesens verstanden, sondern als Einstieg, Motivation oder Verlängerung einer Geschichte. Gleichzeitig verändert sich der Markt. Bücher werden nicht mehr nur in der Buchhandlung entdeckt, sondern auch online gekauft. Das Programm muss im Handel funktionieren, im Netz auffindbar sein, in sozialen Medien erzählt werden und trotzdem im Kinderzimmer ankommen. Rund 300 neue Titel erscheinen bei Oetinger jedes Jahr. Fast jeden Tag kommt damit ein neues Buch hinzu. Insgesamt setzt Oetinger rund sechs Millionen Bücher pro Jahr ab. 9.000 Paletten mit Büchern stehen im Lager zur Verfügung. Vollgepackt mit Geschichten, die darauf warten, verschickt, verschenkt, vorgelesen oder selbst gelesen zu werden.
Der Rundgang führt weiter nach oben, Etage für Etage, bis unters Dach. Loftartige Flächen, Beton, Glaswände, Bücherwände, Arbeitsplätze, Besprechungsecken. Ganz oben wird Social-Media-Content produziert. Von dort blickt man über die Umgebung, während unten im Haus an Programmen, Titeln, Rechten, Vertrieb, Marketing und Gestaltung gearbeitet wird.
Am Ende gehen wir noch einmal vor das Gebäude. In einem kleinen gläsernen Anbau stehen Regale voller Bücher und Merchandising-Artikel. Von außen sieht es fast aus wie ein kleiner Laden, auch wenn man hier nichts kaufen kann. Es ist eher ein Schaufenster in die Vielfalt des Hauses. Figuren, Buchreihen, Klassiker, Neuheiten.
Dann fragt Julia Bielenberg noch, ob ich Kinder habe. Ich erzähle von meiner Tochter. Sie möchte wissen, wie alt sie ist, überlegt kurz und gibt mir ein Buch mit: „Alea Aquarius. Der Ruf des Wassers“. Eine Empfehlung, ganz nebenbei. Genau darin liegt vielleicht viel von dem, was dieses Medienhaus ausmacht. Es geht nicht nur darum, Bücher zu verlegen. Es geht darum, Geschichten weiterzugeben. Von Generation zu Generation. Von Eltern zu Kindern. Von einem Regal in Hamburg-Altona bis in ein Kinderzimmer, in dem abends noch eine Seite gelesen wird.