Erschienen in Ausgabe 01-2026
Tempo als Prinzip
Wie Kroschke seit Generationen in Bewegung bleibt
Tempo bedeutet nicht nur Geschwindigkeit. Tempo heißt auch, den richtigen Moment zu erkennen, Entscheidungen zu treffen und sich zu bewegen, wenn andere noch zögern. Kaum ein Unternehmen verkörpert diese Haltung so konsequent wie Kroschke.
Aus einer kleinen Kennzeichenprägestelle ist in knapp sieben Jahrzehnten ein europaweit tätiger Mobilitätsdienstleister geworden – mit rund 1.800 Beschäftigten, fast 400 Standorten und über 13.000 angebundenen Autohäusern. Kroschke betreibt auch heute noch als Marktführer Prägestellen, bietet darüber hinaus aber sämtliche Dienstleistungen entlang der Wertschöpfungskette rund um die Zulassung von Fahrzeugen an.
Gegründet wurde das Familienunternehmen 1957 von Martin und Elfriede Kroschke, die zuvor aus der DDR geflohen waren – noch vor dem Bau der Mauer. Was folgte, war kein vorsichtiges Herantasten, sondern unternehmerischer Vorwärtsdrang. Ein Onkel arbeitete bereits in der Zulassungsstelle in Braunschweig, kannte die Gegebenheiten vor Ort und brachte die beiden auf die Idee, direkt vor der Zulassungsstelle eine mobile Kennzeichenprägestelle zu eröffnen. Also sprachen Martin und Elfriede ihre ersten Kunden kurzerhand auf der Straße an – unterwegs in einem alten VW Käfer. Wenig später eröffnete das erste Ladengeschäft. Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, getragen von Mut, Nähe zum Kunden und der Bereitschaft, Chancen entschlossen zu ergreifen.
Heute, fast 70 Jahre später, hat das Unternehmen seinen Sitz in Ahrensburg bei Hamburg. Felix Kroschke leitet es gemeinsam mit seinem Bruder Philipp in dritter Generation. Aufgewachsen ist Felix Kroschke mit insgesamt fünf Geschwistern. Philipp ist der älteste Bruder. Während sich der Vater mit großer Hingabe dem Unternehmen widmete, hielt die Mutter der Familie den Rücken frei und kümmerte sich um alles, was jenseits des Geschäfts den Zusammenhalt stärkte. Vielleicht liegt genau darin ein Teil der unternehmerischen Prägung: Verantwortung übernehmen.
Wir treffen Felix Kroschke am heutigen Hauptsitz. Noch bevor wir uns orientieren können, kommt er uns entgegen, begrüßt uns freundlich und führt uns durch das Haus. Unser Gespräch beginnt im Konferenzraum „Braunschweig“. Auch zwei weitere große Räume tragen Namen, die tief in der Unternehmensgeschichte verwurzelt sind: „Martin“ und „Elfriede“. Erinnerung ist hier kein dekoratives Element, sondern Teil der Identität.
„Meine Großeltern hatten drei Kinder“, erzählt Felix Kroschke. „Die Söhne Klaus und Christoph stiegen später in das Unternehmen ein und führten es über mehr als zwei Jahrzehnte gemeinsam weiter.“ Es waren Jahre, in denen das Wachstum deutlich an Tempo gewann. Sein Vater Christoph setzte sich ein klares Ziel: Zwischen zwei Standorten sollten möglichst nicht mehr als 50 Kilometer liegen. Ein ambitionierter Plan, welchen er zielgerichtet verfolgte und zur Umsetzung brachte. In Spitzenzeiten betrieb das Unternehmen rund 430 Standorte, heute sind es noch immer noch rund 390. „Mein Vater hatte jede Woche feste Tage, welche voll und ganz der Expansion gewidmet waren“, erzählt uns Felix Krosche. „Er besichtigte die Standorte, verhandelte die Konditionen, prüfte die Verträge, und direkt nach der Unterschrift und Inbetriebnahme eines Standortes folgte sofort der Nächste und der Nächste und so weiter.“
Die Expansion begann zunächst in Hannover und der umliegenden Region. Wolfenbüttel, Peine und weitere Städte folgten. Die Strategie war ebenso klar wie wirkungsvoll: Standorte möglichst direkt in oder an Zulassungsstellen, in starken Lagen und mit kurzen Wegen für die Kunden. „Die besten Standorte sind nicht vor, sondern in den Zulassungsstellen“, erfahren wir. Anfang der 1990er-Jahre entschied Christoph Kroschke schließlich, das Unternehmen an einen neuen Standort zu verlagern. Ahrensburg bot damals ideale Rahmenbedingungen. Sein Bruder Klaus blieb in Braunschweig und baute eine anders ausgerichtete Unternehmensgruppe mit zwölf Tochtergesellschaften und über 800 Mitarbeitern auf.
Beim Rundgang durch das Gebäude zeigt sich schnell, wie das Unternehmen gewachsen ist – und wie strukturiert dieses Wachstum organisiert wurde. Im Obergeschoss lagern in gesicherten Bereichen mehrere Millionen Kfz-Briefe, die sämtlich digitalisiert sind. Säuberlich sortiert in Lagerboxen, stehen sie in langen Reihen von Aktenregalen. Die Verwaltung und Ablagestruktur sind darauf ausgelegt, einen schnellen Zugriff zu ermöglichen und gleichzeitig höchstmöglichen Schutz zu gewährleisten. Jeder Handgriff folgt klar definierten Prozessen.
„Wir verwalten die Fahrzeugdokumente großer Flotten, Leasinganbieter und Banken. Der Bedarf ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, und die Zahl der eingelagerten Briefe wächst kontinuierlich“, erklärt Felix Kroschke. Es ist ein Bereich, der Vertrauen und die Erfüllung hoher regulatorischer Vorgaben voraussetzt – und zeigt, welche Verantwortung das Unternehmen heute trägt.
Doch nicht nur Autohäuser und große Flotten profitieren von den strukturierten Prozessen. Auch für Privatkunden ist die Fahrzeugzulassung längst einfacher geworden. Über digitale Services lässt sich die Zulassung bequem von zu Hause aus beauftragen – ohne Behördengang und ohne Wartezeit. Selbst die Wunschkennzeichenabfrage erfolgt in Echtzeit. Was früher mit Terminvereinbarung und längeren Aufenthalten auf Ämtern verbunden war, wird so zu einem planbaren, transparenten Vorgang.
Zurück im Erdgeschoss begegnen wir einem Stück Ursprungsgeschichte: einer kleinen Prägestelle. „Der Kern unseres Unternehmens“, sagt Felix Kroschke und lächelt. Heute ergänzt durch digitale Zulassungsprozesse und komplexe Systemlösungen, wirkt sie fast wie eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Die Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen – gemeinsam prägen wir ein eigenes Kennzeichen: HHUN 1/26.
Auch das Unternehmen setzt jedes Jahr ein eigenes Motto um und prägt dieses auf Kennzeichen. „Meinem Bruder ist das Unternehmensmotto des Jahres immer ein großes Anliegen“, lacht Felix Krosche. „Letztes Jahr lautete das Motto auf den Schildern ‚2025geil‘ und in diesem Jahr ‚Push 2026‘. Das Motto muss möglichst kurz und prägnant sein, damit es auf ein Schild passt“. Auf dem Weg zurück zum Konferenzraum passieren wir die Kantine, liebevoll „Herzstück“ genannt. Offen gestaltet, mit großzügigen Sitzbereichen wirkt sie weniger wie ein funktionaler Pausenraum, sondern vielmehr wie ein Ort der Begegnung. Hier kommen Mitarbeiter zusammen, tauschen sich aus, nehmen sich Zeit für Gespräche. Man spürt, dass Unternehmenskultur nicht nur in Leitbildern entsteht, sondern in Räumen, die Begegnung ermöglichen.
Tempo bedeutet bei Kroschke allerdings nicht Hektik, sondern Entwicklung.
Die Automobilbranche befindet sich mitten im Umbruch: Neue Mobilitätskonzepte, Zusammenschlüsse großer Anbieter und steigende Erwartungen an digitale Services verändern den Markt nachhaltig. Für viele Unternehmen bedeutet das Anpassungsdruck, für Kroschke vor allem Antrieb. Das Leistungsportfolio wird kontinuierlich erweitert, Prozesse digitalisiert, Plattformlösungen ausgebaut. Gleichzeitig bleibt das physische Geschäft relevant. Gerade diese Verbindung aus Struktur und Geschwindigkeit scheint ein wesentlicher Erfolgsfaktor zu sein. Heute versteht sich die Gruppe als ganzheitlicher Partner entlang des Fahrzeuglebenszyklus – von der Zulassung über Dokumentenmanagement bis hin zur Außerbetriebsetzung oder Fahrzeugüberführung.
Der einst selbstgewählte Radius von 50 Kilometern zum nächsten Standort ist inzwischen weniger entscheidend. Doch die Expansion ist so präsent wie vor Jahrzehnten – nur hat sich der Blick geweitet. Europa steht heute im Fokus. Kroschke ist bereits in mehreren Märkten aktiv, darunter Frankreich, Spanien, Italien, Österreich und dem Vereinigten Königreich.
Was einst lokal begann, wächst zunehmend zu einem internationalen Netzwerk: der Kroschke Alliance. Und dennoch wirkt das Unternehmen nicht rastlos. Trotz Größe und Internationalisierung versteht sich Kroschke weiterhin als Familienunternehmen – mit klaren Werten, langfristiger Perspektive und einem ausgeprägten Verantwortungsgefühl. Dazu gehört auch gesellschaftliches Engagement: Mit der Kroschke Kinderstiftung unterstützt das Unternehmen gemeinsam mit der Klaus Kroschke Gruppe Projekte für chronisch kranke und behinderte Kinder in mittlerer sechsstelliger Höhe pro Jahr.
Vielleicht ist genau das die besondere Form von Tempo, die hier gelebt wird: nicht laut, nicht kurzfristig, sondern getragen von Kontinuität. Der ursprüngliche Unternehmergeist scheint unverändert: Chancen erkennen, handeln, weitergehen. Oder anders gesagt: Wer seit fast 70 Jahren in Bewegung bleibt, muss sein Tempo gut kennen.