Erschienen in Ausgabe 01-2026
Mit Globetrotter in die Welt
Von der freakigen Community zum Branchen-Primus
„Der Grat zwischen finanziellem Reichtum und unter der Brücke schlafen ist ein sehr schmaler.“
Andreas Bartmann, Geschäftsführer von Globetrotter, spricht mit dem HAMBURGER UNTERNEHMER über Risiken des Unternehmertums,
Herausforderungen des Einzelhandels und die Geschichte von Globetrotter.
In der Hamburger Zentrale des Omnichannel Outdoorspezialisten Globetrotter empfängt uns Andreas Bartmann, der seit über 40 Jahren Erlebniseinkaufswelten für seine naturverbundene Zielgruppe gestaltet. Globetrotter betreibt 22 Filialen und beschäftigt über 1.000 Mitarbeiter aus über 50 Nationen. Allein in der Zentrale kümmern sich 150 Mitarbeiter um den besonderen Hamburger Handelsbetrieb.
Herr Bartmann, trifft das Leitbild „Das Tor zur Welt“ auf Hamburg noch zu?
Ein Tor funktioniert immer in zwei Richtungen. Ich empfinde eine hohe Bereitschaft in Hamburg, sich der Welt zu öffnen. Ich bin viel gereist und mir hat das imaginäre Tor immer geholfen, in die Welt hinauszugehen und von anderen Ländern zu lernen. Ich liebe diese Stadt und schätze die Offenheit des Tores in beide Richtungen.
Wie sind Sie Unternehmer geworden?
Die Globetrotter von damals waren eine freakige Community. Keine Reise konnte zu extrem sein. Wir sind jedes Wochenende geklettert und suchten nach guten Produkten für unsere Leidenschaft.
Ich habe Produktionstechnik studiert, ein Mix aus BWL und Maschinenbau. Das Gründerteam kannte sich aus dem Alpenverein. Unser erster Laden war 1979 in der Wandsbeker Chaussee. Ich habe meine ursprünglichen Karrierepläne als Ingenieur über den Haufen geworfen und bin vom Kunden im Geschäft auf die Verkäuferseite gewechselt.
Unsere Branche ist von Familienunternehmen geprägt. Auch wenn wir inzwischen Teil eines börsennotierten Unternehmens sind, sehe ich Globetrotter nach wie vor als Familienunternehmen, da dies auch unseren Konzern auszeichnet. Wir führen wertebasiert mit einer langfristigen Orientierung.
Einzelhandel ist ein margenschwaches Geschäft und es ist schwer, einen Kapitalstock aufzubauen. Wenn es Krisen gibt, wird es schnell eng mit der Finanzierung über Banken. Die Coronajahre hätten wir aus eigener Kraft nicht stemmen können. Hier war der Anschluss an eine größere Struktur eine gute und richtige Entscheidung. Viele Familienunternehmen sind hier durch eine interne Nachfolgeregelung nicht unbedingt zukunftsfähig aufgestellt. Wir haben einen strategischen Investor gesucht, der zu unseren Werten passt. Der Käufer war unser ältester Lieferant, daher kannten wir uns gut und vertrauen uns.
Der Grat zwischen wirtschaftlichem Reichtum und unter der Brücke schlafen ist ein sehr schmaler. Banken wollen private Haftung, da ist man schnell in der Zwickmühle.
Ich habe einen hohen Respekt vor Entwicklungen, die außerhalb unseres Unternehmens geschehen und die ich nicht beeinflussen kann. Wenn Politiker fragwürdig handeln, wie gerade in Amerika, hat man es nicht selbst im Griff. Da steht man schnell vor Herausforderungen, die kaum eigenständig zu bewältigen sind. Meine Bereitschaft, Risiken zu tragen, hat sich mit der Lebenserfahrung verändert. Ich berate manchmal Start-ups und bin beeindruckt, welche hohen Risiken manche Gründer eingehen. Ich rate dazu, sich nicht in jungen Jahren finanziell zu ruinieren, auch wenn dafür ein Lebenstraum nicht erfüllt werden kann.
Ihre Kunden bereisen mit Ihren Produkten die ganze Welt. Was suchen Ihre Kunden in der Welt, wenn sie durch das besagte Tor gehen?
Sie suchen Lebensqualität. Früher war Reisen mit vielen Entbehrungen verbunden. Heute kann man selbst Fernreisen sehr einfach machen. Reisen macht süchtig, man entdeckt immer wieder Neues. Manche Reisende suchen schlicht wärmeres Wetter. Andere schätzen das Zusammenkommen mit anderen Kulturen. Einige suchen Ruhe und Ausgleich in der Natur, Kraft und Stärke, die man wieder mit nachhause bringt. Und das gemeinsame Erleben.
Naturerlebnisse wirken für Freundschaften und für Familien zusammenschweißend. Mir hat das Reisen dabei geholfen, ein positiver Mensch zu sein. Reisen tut gut und stärkt sowohl physisch als auch psychisch.
Wie hat sich das Kaufverhalten für Outdoorausrüstung in den letzten Jahrzehnten verändert?
Outdoor spricht heute breitere Zielgruppen an. Wir stellen eine neue Sensibilisierung und Begeisterung auch junger Menschen mit Erlebnissen in der Natur fest. Kunden hinterfragen stärker die Herkunft und Nachhaltigkeit von Produkten. In der Generation meiner Eltern wurde teils unwissend noch das Öl im Wald abgelassen.
Unser Portfolio hat sich sehr gewandelt. Ausrüstung für Extremtouren machen heute nur noch circa fünf Prozent unseres Umsatzes.
Im Kern sind wir uns treu geblieben und haben heute noch Marken, die sich seit unseren
Gründungsjahren gehalten haben, z. B. Fjällräven, North Face und Patagonia.
Unsere Kunden schätzen es sehr, bei uns einen kontinuierlichen Ansprechpartner im Laden zu haben. Einen ehrlichen Berater, der sie über Jahre und unterschiedliche Reisen begleitet.
Wie passen Sie Ihre Unternehmensstrategie an diese Veränderungen an?
Im Einzelhandel haben wir den Discount, wo es nur um Masse geht, und ein hochpreisiges Segment, das von nachhaltiger Qualität lebt. Die Mitte stirbt. Wir sind bei einem hohen Qualitätsversprechen geblieben. Dabei rede ich nicht vom Luxussegment. Unser Team wird vernünftig bezahlt und im Einkauf achten wir darauf, unter welchen Bedingungen und aus welchen Materialien Produkte hergestellt werden. Wir haben den Second Hand-Handel in unsere Filialen gebracht. Daraus sind bereits nennenswerte Umsätze entstanden. Das Ziel der Zirkularität ist verinnerlicht, es gab ein Umdenken, hin zum Wiederverwerten. Ein qualitatives Kleidungsstück gehört nicht in den Müll. Daher platzieren wir Reparaturwerkstätten an hoch frequentieren Stellen im Laden, um zu zeigen, dass wir es damit ernst meinen. Unseren Mitarbeitern vermitteln wir einen Stolz auf Reparaturen.
Welche Reiseziele sind aktuell besonders beliebt in der Outdoorcommunity?
Skandinavien ist bei den Deutschen nach wie vor besonders stark. Man ist schnell in einer attraktiven Wildnis, die auch für nicht so erfahrene Outdoorfreunde leicht erlebbar ist. Beliebt sind auch alle Länder mit schönen Bergen und attraktiven Tierwelten. Botswana, Namibia, Südafrika haben keine Zeitverschiebung und sind sehr attraktiv. Im Fernbereich werden Südamerika und Patagonien gerne bereist. Im Vordergrund für die Auswahl der Reiseziele steht heute die Sicherheit beim Reisen. Aber ich sage immer: Bevor du in die Ferne gehst, lerne erst einmal dein direktes Umfeld kennen.
Ist der Trend zu nachhaltigem Tourismus ungebrochen?
Der Wunsch nach Nachhaltigkeit ist unumkehrbar. Den Trend zur Nachhaltigkeit im Reisen halte ich daher für ungebrochen. Eine „Umwelt leck mich am Arsch“ Haltung stirbt zum Glück aus.
Für Fernreisen bedeutet das: lieber seltener und dafür länger. Die Wichtigkeit der Ökosysteme können Sie am besten verstehen, wenn Sie direkt hineingehen.
Beim Thema Plastik sind wir gefordert. Das beste Produkt ist das, was man nicht wegwirft. Selbst auf Galapagos habe ich schon Plastikmüll im Wasser erlebt. Wir werden die Welt nur bedingt retten können, aber einer muss ja damit anfangen. Das ist eine Frage der Aufklärung und Bildung. Gerade bei jüngeren Menschen ist das schon gut verstanden.
Wir haben in Costa Rica heruntergewirtschaftete Ländereien gekauft und diese aufgeforstet. Da ist nach 15 Jahren ein richtig toller Urwald entstanden. Das ist ein sehr beglückendes Gefühl.
Wie sehen Sie die Zukunft des stationären Handels für Outdoorprodukte?
Es gibt natürlich Kunden, die sich stationär beraten lassen und anschließend online kaufen. Sich darüber zu beklagen, halte ich aber für ein Feigenblatt. Es ist unsere Aufgabe, unsere Kunden so gut zu beraten, dass sie auch wirklich bei uns kaufen. Wenn wir das richtige Produkt für den Kunden finden, dann kauft er auch bei uns.
Wir sehen seit ein paar Jahren eine Seitwärtsbewegung im Onlinehandel. Die prognostizierten Wachstumsraten sind nicht eingetreten. Wir waren Pionier im Omnikanalhandel. Es gibt praktisch keine reinen Online- oder Offlinekunden, sondern im wesentlichen Hybridkunden. Unsere Kunden kommen immer wieder gerne in unsere Geschäfte. Falls etwas gerade nicht verfügbar ist, können unsere Mitarbeiter über ihre Tablets bestellen und nach Hause liefern. Das funktioniert sehr gut.
Ein Problem ist der dreiste Ladendiebstahl. Die Diebe gehen sehr gezielt vor, ihnen passiert in unserer Justiz kaum etwas. Erwischte Diebe werden oft aggressiv, so-
dass wir Sicherheitsleute brauchen, um unsere Mitarbeiter zu schützen.
Sie sind Vorsitzender des Einzelhandelsverbandes in Hamburg.
Welche Themen liegen Ihnen dort besonders am Herzen?
Die Zukunftsfähigkeit der Geschäftsmodelle. Aktuell beobachten wir viel Unsicherheit, wie Läden ihre Nachfolge regeln. Durch globale Verunsicherungen entstehen Zukunftsängste in der Bevölkerung. Es wird mehr gespart. Das hinterlässt Spuren im Einzelhandel. Wir sehen seit Jahren Umsatzrückgänge. Man muss sich daher mehr einfallen lassen, wie z. B. Events oder Promotion, um Erlebnisse beim Einkaufen zu schaffen.
Unsere Kunden sollen zukünftig unsere größten Lieferanten werden. Zweitverwertung und zirkulare Wertschöpfung sind die Zukunft. Dieses Segment verdoppelt sich aktuell jedes Jahr.
Mit dem Westfield Center vergrößert sich die Einzelhandelsfläche der Innenstadt um 20%. Dass sich die Umsätze insgesamt um 20% erhöhen, ist nicht realistisch, es wird also deutliche Umsatzverschiebungen geben.
Die Kreuzfahrer allein werden nicht die benötigten Umsätze bringen. Die Domachse ist nie als eine attraktive Laufverbindung zur Innenstadt entwickelt worden, das hat der Senat versäumt. Für die Kerncity wird es daher enger.
Verraten Sie uns einen Blick in die Zukunft von Globetrotter?
Ich bin ein großer Fan von KI und suche nach Wegen, wie wir innerhalb unserer DNA KI integrieren können. Heute stehen wir vor einem neuen Quantensprung durch KI. Stupide, nervige Arbeiten können an die KI abgegeben werden. Neue Wertschöpfungspotenziale entstehen, wenn wir noch besser verstehen, was die Kunden wann und warum kaufen und die Warenströme daran ausrichten. Zum Beispiel können wir Wetterdaten verbinden mit den Sortimenten auf der Fläche und der Personaleinsatzplanung. Die Qualität unserer Arbeit wird sich dadurch weiter steigern.
Vielen Dank!